„Lunikoff“-Konzert und antifaschistischer Protest in Groß Berßen

Am Donnerstag, dem 10. Oktober 2013 waren – neben Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Fahrzeugen – Autos mit altdeutschen Schriftzügen und auswärtigen Kennzeichen in dem etwa 650 Einwohner zählenden Dorf Groß Berßen in der emsländischen Samtgemeinde Sögel zu beobachten. Ziel dieser ungewöhnlichen DorfbesucherInnen war die Gaststätte „Zur singenden Wirtin“, in die für den Abend zu einem Rechtsrockkonzert des Sängers Michael Regener alias „Lunikoff“ eingeladen worden war. „Lunikoff“ ist der ehemalige Sänger der 2003 als kriminelle Vereinigung verbotenen Rechtsrockband „Landser“. Heute tritt er mit seiner Band „Die Lunikoff-Verschwörung“ in Erscheinung.

Doch ganz so ungewöhnlich dürfte dieses Auftreten in Groß Berßen gar nicht sein. Die „singende Wirtin“ diente auch vorher schon als Treffpunkt für Neonazis:
DorfbewohnerInnen berichten von regelmäßigen Treffen der rechten Szene in der Gaststätte und laut Verfassungsschutzbericht 2007 fand in diesen Räumlichkeiten ein Rechtsrockkonzert mit ca. 150 BesucherInnen statt. Die Besitzerin der Gaststätte hatte früher schon Interesse an der Arbeit der NPD gezeigt, indem sie u.a „Infomaterial“ der Partei angefordert hatte und ihre Gaststätte, die mittlerweile für den „normalen“ Besucherverkehr geschlossen ist, offenbar immer wieder gezielt an Neonazis vermietet.

Zu dem Konzert des Berliner Rechtsrockstars „Lunikoff“ hatte der Neonazi Tobias Richter aus Haselünne eingeladen. Tobias Richter ist der derzeitige Vorsitzende des NPD Unterbezirks Emsland/Grafschaft Bentheim. Er hatte versucht, das Konzert im konspirativen Rahmen als Privatveranstaltung zu organisieren. Die Presse und staatlichen Behörden hatten erst durch unsere Veröffentlichungen von dem bevorstehenden Ereignis in Groß Berßen erfahren. Wie im Verfassungsschutzbericht 2009 aus Berlin zu lesen ist, steht „Lunikoff“ unter besonderen richterlichen Auflagen. Diese besagen, dass jedes seiner Konzerte mindestens eine Woche im Vorfeld der Polizei mitgeteilt werden muss. Durch die Deklarierung als Privatveranstaltung waren die Auflagen in diesem Fall aber offenbar wirkungslos.

So versammelten sich etwa 80 BesucherInnen in und vor der „singenden Wirtin“. Das Klientel bestand zu einem großen Teil aus gefestigten Neonazis der NPD, sogenannten „Freien Kräften“ und ehemaligen AktivistInnen der im Jahr 2000 verbotenen militanten „Blood & Honour“ Organisation. Aber auch Neulinge der Szene waren anwesend. Neben Neonazis aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim fanden auch Nazis aus Osnabrück, Oldenburg, Hildesheim, Minden, Berlin, Leipzig und den Niederlanden den Weg zum „Lunikoff“-Konzert. Die Anwesenheit von Nazikadern aus verschiedenen Städten und Strukturen zeigt die umfangreichen Kontakte in der Neonaziszene – auch hier im Emsland. So waren bekannte Verbindungspersonen der rechten Szene, wie z.B. Jens Hessler, Dieter Riefling, Daniel „Gigi“ Giese und Liedermacher „Lokis Horden“ auf dem Konzert vertreten.

Recherche Nord: Bilder der Neonaziveranstaltung

Gegen 20:00 Uhr begann Musik aus den Räumlichkeiten zu schallen. Auch die letzten, rauchenden Neonazis verschwanden im Gebäude der „singenden Wirtin“. Laut Aussagen der Polizei und den Neonazis hatte „Lunikoff“ sich tatsächlich aus Berlin auf den Weg in das Emsland gemacht und zu diesem „Rechtsrockabend“ der Neonaziszene beigetragen.

„Rechtsrock den Stecker ziehen!
Gegen das Lunikoff-Konzert in Groß Berßen!“

Unter diesem Motto organisierten wir, die antifaschistische Kampagne „Keinen Platz für Nazis …in Lingen und anderswo!“, eine Kundgebung gegen das Nazikonzert. Etwa 130 TeilnehmerInnen konnten zum Groß Berßener Busbahnhof mobilisiert werden, um ein deutliches Zeichen gegen Rechtsrock und Neofaschismus zu setzen. Es wurde antifaschistische Musik gepielt, Redebeiträge zu den Themen „Lunikoff“, den regionalen Neonazistrukturen und dem Rassismus in der Mitte der Gesellschaft gehalten und Flyer gegen das Rechtsrockkonzert verteilt. Erfreulich war die Anwesenheit vieler Groß Berßener DorfbewohnerInnen, die unserem Aufruf gefolgt waren und ihrerseits gegen das Nazi-Konzert in ihrem Dorf protestiert haben.


Antifaschistische Kundgebung

Die Band „Civil Courage“, die ein Gegenkonzert angekündigt hatte, spielte auf einen Privatgrundstück in der Nähe der Kundgebung.
Spontan wurde im Anschluss noch eine Demonstration durch das Dorf angemeldet um näher an die Konzerträumlichkeiten zu gelangen und die Nazis möglichst direkt mit unserem Protest zu konfrontieren. Der Polizei-Einsatzleiter genehmigte eine Demoroute bis zu einem Kreisverkehr etwa 200m von der Gaststätte entfernt. Laut, wütend und entschlossen zog der Demonstrationszug daraufhin mit über 100 Personen durch das Dorf.


Spontandemonstration

Deutlich kritisieren wir die Aussage des Groß Berßener Bürgermeisters Reinhard Kurlemann (CDU). Dieser hatte sich gegenüber der Meppener Tagespost folgendermaßen geäußert: „Ich will das absolut nicht gutheißen, aber mit ein bisschen weniger Rummel hätten wir das auch in den Griff bekommen“. Das heißt nichts anderes, als dass er das Auftreten der Neonazis am liebsten totgeschwiegen hätte und möglichst ohne Aufsehen zur Tagesordnung übergegangen wäre. Die Nazis wären bei dieser Vorgehensweise vollkommen unbehelligt geblieben und hätten ihr Konzert ungestört und ohne öffentlichen Widerstand durchführen können.

Dass die Neonazis durch totschweigen nicht „in den Griff zu bekommen“ sind, zeigt sich an den zahlreichen Treffen der Neonazisene in Groß Berßen in den Vorjahren. Das Problem wurde bislang stets ignoriert. Die Neonazis konnten sich ohne Widerstand in der Gaststätte treffen und ihre Versammlungen und Partys dort abhalten. Daran, dass „sein Dorf“ Groß Berßen nun negativ in der Presse steht, trägt der Bürgermeister durch ein solches Verhalten eine Mitschuld. Dass viele Einwohner das im übrigen ganz anders sehen beweist deren Teilnahme an unserer Kundgebung. Auch wenn ein antifaschistisches Engagement in Form von Protesten und Kundgebungen von einem CDU-Bürgermeister sicherlich nicht zu erwarten ist, so hätte er doch zumindest die Möglichkeit gehabt, durch Einschalten der Polizei gegen die Nazi-Versammlungen vorzugehen.

Mit Nachdruck möchten wir deshalb die Aussage eines Kommentars in der Lokalpresse zurückweisen, in dem es heißt: „Auch wenn sie anders gekleidet sind – an diesem Abend hatten die Antifa-Mitglieder und der Bürgermeister dasselbe Ziel“. Das ist definitiv nicht der Fall!

Ein Vorfall in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in Papenburg soll hier nicht unerwähnt bleiben: Das Gebäude, in dem das Papenburger Ratsmitglied Ralf Uchtmann von der unabhängigen Wählergemeinschaft sein Büro hat, wurde in der Nacht mit Nazi-Symbolen beschmiert. Uchtmann hatte zuvor am Donnerstag abend an unserer Kundgebung teilgenommen. Einen Zusammenhang halten wir für wahrscheinlich.

Durch die Aufdeckung des Nazi-Konzertes im Vorfeld haben wir eine breite Öffentlichkeit geschaffen und konnten in Groß Berßen ein Zeichen gegen Rechtsrock und Faschismus setzen. Wir freuen uns, dass so viele Menschen den Weg in das doch recht abgelegene Groß Berßen gefunden haben um ihren Protest zu äußern. Besonders auch die DorfbewohnerInnen möchten wir ermutigen, sich auch in Zukunft offensiv gegen derartige Veranstaltungen der rechten Szene in Groß Berßen und anderswo zur Wehr zu setzen. Wir werden es auch tun!

Redebeiträge der Kundgebung:

„Lunikoff“ und „die Lunikoff-Verschwörung“

Die neonfaschistische Szene im Emsland

Das Problem heißt Rassismus

Weitere Artikel zu der antifaschistischen Kundgebung und dem Nazikonzert:

Blick nach Rechts: Neonazi-Event bei der „singenden Wirtin“

Ems-Vechte-Welle: Demonstration gegen Neonazi-Konzert in Groß Berßen “

Ev1-TV: Demo gegen Nazis in Groß Berßen

love music – hate fascism!
Rein in die Provinz – Es gibt kein ruhiges Hinterland!